KIBA / Oper Heidelberg

"Man versucht, mit möglichst wenig Arbeitsaufwand die besten Leute zu finden"

16.08.2019

Holger Schultze, Foto: (c) Sebastian Bühler

Holger Schultze, Foto: (c) Sebastian Bühler

Warum der Markt für Sänger*innen besonders hart ist, man sich aber trotzdem nicht entmutigen lassen soll und worauf man im Bewerbungsprozess sonst noch achten sollte - das verriet Holger Schultze, Intendant am Theater Heidelberg, im Interview mit Karen Suender von Theapolis.

Welche Mindestgage bezahlen Sie Berufsanfänger*innen?
Mehr als die tarifliche Mindestgage, und zwar 2.100,-€.
Wir haben überdies eine Planungssicherheit für 5 Jahre. In diesem Zeitraum haben wir auch die Garantie, dass die Stadt alle Tarifsteigerungen übernimmt.

Wie gehen Sie mit Initiativbewerbungen um?
Über die E-Mail-Adresse theater@heidelberg.de landen die direkt in der Intendanz. Ich gucke zuerst drüber, und dann gehen die an die einzelnen Sparten-Leiter. Im Musiktheater sind das Thomas Böckstiegel und Ulrike Schumann.

Werden denn bei Ihnen die Solovakanzen im Musiktheater auch über Initiativbewerbungen besetzt?
Thomas Böckstiegel ist jemand, der die Sängerszene sehr genau scannt. Er schaut beispielsweise bei Wettbewerben, Hochschulen, an anderen Theatern (auch im Ausland) und besetzt die Solovakanzen auf diesem Wege. Es gibt aber auch informative Vorsingen.
Ich würde jedem empfehlen - abgesehen von den Initiativbewerbungen - sich wirklich mal bei uns im Theater was anzugucken und uns bei der Premiere direkt anzusprechen. Es läuft auch viel über persönliches Kennen, da muss man überhaupt nicht drumherum reden.
Ein wichtiges Kriterium ist für uns: Wo wurde jemand ausgebildet? Und natürlich auch: An welchen Theatern hat er/sie gearbeitet?

Ist eine private Ausbildung ein Ausschlusskriterium?
Sagen wir mal so: Es ist kein beförderndes Kriterium. Es ist schwieriger.

Wie wünschen Sie sich Bewerbungen, rein formell gesehen?
Jetzt sage ich Ihnen was ganz Zynisches: Ich halte das Ganze für total überschätzt. Ich kenne alles: von Rosa Briefbögen über Handschriftliches, viele Fotos, lange Texte - letzten Endes hilft das überhaupt nichts. Es geht wirklich um die harten Fakten. Mir persönlich ist ein klares Anschreiben von sechs, sieben Zeilen am liebsten. Und eine gute Vita angehängt, was jemand spielt, wo er/sie sich sieht, was für Sprachen er/sie sprechen kann  - das ist bei uns wichtig, weil wir sehr international ausgerichtet sind, wir haben den Stückemarkt, machen mit Lateinamerika sehr viele Projekte zusammen… Und natürlich ist man da schon interessiert, wenn jemand Spanisch oder Englisch sehr gut kann. Eine gute tabellarische Vita, was man im künstlerischen Bereich gemacht hat, das ist das Entscheidende.

Gerne auch alles in einer PDF, oder bekommen Sie lieber Post?
Wenn man so ein PDF schickt, ist es wichtig, dass man wenigstens so tut, als würde man das Theater meinen, wo man sich bewirbt und nicht die Intendantennamen verwechseln o.ä., das ist dann sicher ein Ausschlusskriterium. Was ich empfehle ist, sich ein bisschen damit zu beschäftigen, was für ein Theater das ist, an dem man sich bewirbt. Wir arbeiten mit internationalen Festivals, und wenn Sie dann hierher kommen und Sie haben Flugangst, ist das einfach unsinnig. Das ist schon eine Frage, die wir stellen: „Warum wollen Sie nach Heidelberg?“

Der Umfang einer Bewerbung per E-Mail sollte 3 MB nicht überschreiten.

Haben Sie bestimmte Wünsche, die Fotos betreffend?
Nein.

Gibt es einen besonders günstigen Zeitraum, um sich zu bewerben?
Es gibt zwei gute Zeiträume: Oktober, weil da die Nichtverlängerungen ausgesprochen werden. Die Erfahrung ist: dann schlägt der Markt zu, so bis Januar/Februar. Und dann gibt es nochmal eine super Phase im Februar/März.

Ist es da auch ratsam, mal anzurufen und nachzuhaken?
Davon würde ich abraten.

Antworten Sie generell auf Bewerbungen?
Bei Briefen versuchen wir zu antworten, bei E-Mails ist es sehr unterschiedlich. Der Wille ist da, aber ob man es immer schafft, wage ich zu bezweifeln.

Wie laufen die Vorsingen bei Ihnen ab?
Das ist noch ein härterer Markt, als bei den Schauspieler*innen. Die kommen, und dann geht es darum, in kürzester Zeit Stimme, Höhenlagen, welche Töne kriegen sie, Ausstrahlung zu beurteilen. Da gibt es auch immer wieder informative Vorsingen, für die Thomas Böckstiegel Leute gezielt einlädt. Auf eine reine Bewerbung hin ist es nicht so einfach.

Gibt es diese informativen Vorsingen regelmäßig zu bestimmten Zeiten?
Das kann man so nicht sagen, es hängt davon ab, was wir suchen - und vom Zeitmanagement natürlich.
Ein ganz wichtiger Markt für junge Sänger*innen sind auch Festivals, Gesangswettbewerbe usw., denn dort hat man natürlich schon eine gewisse Selektion. Man versucht natürlich, mit möglichst wenig Arbeitsaufwand die besten Informationen und die besten Leute zu finden. Das sollte man sich auch als Bewerber*in immer klarmachen.

Gibt es etwas, von dem Sie abraten würden, in Bezug auf den Bewerbungsprozess?
Nein. Wie gesagt: die Vita zählt, und über die Bewerbung und Empfehlung kommt es dann ganz schnell zum Vorsingen oder Vorsprechen. Hier vielleicht als Tipp: Sich immer fünf Minuten lang umziehen, hilft nicht unbedingt.
Und nochmal: der persönliche Kontakt ist hilfreich. Sprechen Sie uns an!

Gibt es sonst noch etwas, was Sie den Kolleg*innen gerne mit auf den Weg geben möchten?
Sich nicht entmutigen lassen. Sie können sicher sein: allen fällt es schwer. Und ich finde, man kann es ja auch gegenseitig sehen: Es ist ja nicht nur eine Prüfungssituation, sondern letzten Endes ist ja ein Vorsingen auch eine ganz tolle Möglichkeit, das Team kennenzulernen. Und man kann ja auch mal zwei, drei Fragen stellen, sodass man einfach was erfährt. Man redet und findet sich sympathisch oder nicht - und das ist ja aber dann auch gegenseitig. Was hilft es Ihnen, an einem Theater zu sein, wo Sie die Kollegen nicht sympathisch finden? Auf dieses Subjektive sollte man vertrauen.

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