KIBA / Wiener Staatsoper

"Die praktische Erfahrung ist für uns am wesentlichsten."

24.06.2019

Thomas Lausmann, Foto: Michael Poehn

Thomas Lausmann, Foto: Michael Poehn

Philipp Laabmayr vom Jungen Ensemble-Netzwerk sprach mit Thomas Lausmann, dem Studienleiter der Wiener Staatsoper, über den Umgang mit Initiativbewerbungen von Sängerinnen und Sängern.

Interview Philipp Laabmayr (MUK Wien) vom JEN mit Thomas Lausmann (Studienleiter Wiener Staatsoper)

Welche Einstiegsgage zahlen Sie Berufsanfänger*innen?
Ich muss dazu sagen, ich bin ja der Studienleiter der Wiener Staatsoper und nicht Operndirektor oder Kaufmännischer Leiter, deswegen könnte ich auch ein bisschen daneben liegen. Soweit ich weiß, ist die geringste Gage 2.600 Euro. Im Einzelfall wird natürlich auch noch verhandelt, vor allem, wenn der Sänger oder die Sängerin bei einer Agentur ist.

Wie gehen sie mit Initiativbewerbungen um?
Wir haben eine Kollegin, die tatsächlich hauptsächlich für die Administration von Vorsingen zuständig ist, und ganz egal wo bei uns die Initiativbewerbungen eingehen, das geht alles an diese Kollegin weiter, die das bei uns koordiniert. Und dann werden sämtliche Bewerbungen - ganz egal ob sie jetzt über Agenturen kommen oder nicht - zusammen durchgegangen, das heißt: Ich, zwei weitere Kollegen und der Direktor schauen die Bewerbungen durch und entscheiden dann, ob wir jemanden zu einem Vorsingen einladen, oder nicht. Der Grund, warum wir jemanden zu einem Vorsingen einladen, kann sein, dass wir eine Vakanz haben, oder dass wir wissen, dass wir im kommenden Jahr einen Bedarf für ein spezielles Fach haben. Es kommt auch vor, dass einer von uns einen Sänger oder eine Sängerin schon einmal gehört hat.

Werden auch auf Empfehlungen von Kolleginnen oder Kollegen Sängerinnen eingeladen?
Ja, auch. Aber, wie gesagt, wir bekommen ein relativ hohes Volumen an Bewerbungen.

An welche Adresse sollten die Bewerbungen geschickt werden?
auditions@wiener-Staatsoper.at. Das ist die E-Mail-Adresse, die die Kollegin dann auch direkt bearbeitet. Dann landet's gleich da, wo's hingehört und kann auch nicht verloren gehen.

Wie soll ganz konkret die Bewerbung bei Ihnen aussehen?
Ein spezielles Format ist nicht notwendig. Was uns besonders interessiert ist: Welche Erfahrung hat eine Sängerin oder ein Sänger bereits gemacht? Die Erfahrungen, die uns am meisten interessieren, sind Aufführungen, d.h.: welche Rollen hat jemand schon - egal wo - gesungen? Auch an der Hochschule, aber vor allem bei öffentlichen Aufführungen. Da interessiert uns: Komponist, Rolle, Opernhaus, Spielzeit und Dirigent. Alles auf einen Blick. Das ist für uns das Wichtigste. Die Ausbildung ist auch wichtig.

Gibt es da auch Ausschlusskriterien aufgrund von Ausbildung?
Nein, ob jemand einen Abschluss hat oder nicht, ist für einen Bühnenberuf in meinen Augen egal. Wenn jemand die Qualifikationen für die Bühne mitbringt - d.h. eine gute Ausbildung, eine gute Stimme, eine gute Gesangstechnik, eine Ausstrahlung auf der Bühne und spielerisches Können - ob der dann den Bachelor oder Master hat, ist komplett wurst.
Wir gehen vor allem danach, wo und wieviel Bühnenerfahrung schon gesammelt wurde. Für uns ist ein Sänger mit viel Bühnenerfahrung und ohne Abschluss interessanter als ein Sänger mit Abschluss und ohne Erfahrung. Wir hatten auch mehrere Sängerinnen über die Jahre engagiert die tatsächlich direkt von der Hochschule gekommen sind, da kann jemand natürlich noch nicht so viel Vorstellungserfahrung nachweisen. Trotzdem sieht man, ob jemand schon an der Hochschule eine Rolle gesungen hat, oder bei irgendeinem Festival oder bei einem Kurs. Die praktische Erfahrung ist für uns am wesentlichsten.

Gibt es auch besondere Wünsche in Bezug auf die Bewerbungen?
Sie sollte darauf Bezug nehmen, wofür man sich bewirbt. Wo jemand Abitur oder Matura gemacht hat, oder wo jemand noch etwas anderes studiert hat, ob er vielleicht gerne Gartenbau betreibt oder besonders gut Wasserski fährt, ist in diesem Zusammenhang nicht so wichtig.

Also Sachen die konkret für diesen Job wichtig sind.
Richtig. Und dann gibt’s wirklich noch ein besonderes Plus, wenn man merkt, dass jemand, der sich auf eine Stelle bewirbt, auch auf das Haus Bezug nimmt. Wenn ich jetzt eine Bewerbung schicke an die Komische Oper Berlin, weiß ich, dass dort aufgrund des Repertoires, aufgrund des Profils des Hauses und aufgrund der Sänger und Sängerinnen, die dieses Haus engagiert hat, andere Sachen wichtig sind, als bei der Wiener Staatsoper. Und wenn man merkt, dass ein Bewerber oder eine Bewerberin darauf Bezug nimmt mit seinem Repertoire und seiner Berufserfahrung, das ist ein Pluspunkt! Je konkreter die Bewerbung auf die Position oder auf die Stelle Bezug nimmt, desto besser. Ganz toll ist, wenn sich einer kurz in die Rolle dessen hineinversetzt, der die Bewerbung bekommt, und einfach aus dessen Sicht die Bewerbung nochmal durchschaut: Ob das konkret ist, übersichtlich ist, ob das leicht zu lesen ist. Keine Druckfehler. Eine schöne, saubere, konkrete Bewerbung.

Finden die Vorsingen in einem gewissen Zeitraum statt?
Nein. Bei uns gibt’s Vorsingen quasi immer, wir haben in jedem Monat mehrere Termine, wo Vorsingen auf der Bühne stattfinden. Das ist jetzt für die nächste Zeit weniger geworden, weil bald ein neuer Intendant kommt und dadurch gerade weniger Bedarf ist. Wenn Bedarf ist, dann gibt es ein Vorsingen.

Hinweis von Theapolis: Herr Lausmann wechselt zur kommenden Spielzeit an die Metropolitan Opera nach New York, der neue Ansprechpartner an der Wiener Staatsoper kann hier noch nicht genannt werden.

Phillipp Laabmayr

Tags

KIBA

Organizations

All news