Wochenrückblick #48/19

Hurra, Hurra, die Kultur ist wieder da!

30.11.2019

Friedrichstadt-Palast Berlin, Foto: Webmicha auf Pixabay

Friedrichstadt-Palast Berlin, Foto: Webmicha auf Pixabay

Kleider machen Leute, sagt man. Namen offenbar Ministerien (oder EU-Kommissariate). Die Klimadebatte macht es sich nun auch im Diskurs der Kulturbranche (un)gemütlich. Außerdem haben wir im Wochenrückblick: Lecks in Haushalt und in Sprinkleranlagen, Gewinner*innen von Kulturpreisen, Verlierer*innen aus der Kulturpolitik und ein rüstiges Geburtstagskind...

1998 machte sich Gerhard Schröder noch über das Ministerium "Familie und das ganze Gedöns" lustig. Ganz alte Herrenwitz-Schule. Heute rasten Kulturverbände und ihre Vertreter*innen aus, wenn der Begriff Kultur zuerst aus dem Namen eines EU Kommissions-Zuschnitts verschwindet und nun doch wieder auftaucht. Wir freuen uns also mit, wenn Frau Kommissarin Mariya Gabriel das Ressort "Forschung, Innovation, Bildung, KULTUR und Jugend" verantwortet und stellen fest: Forschung, Innovation, Bildung stehen vor Kultur. Der Tagesspiegel berichtet.

Im EU Haushalt fällt die Kultur finanziell im Übrigen fast gar nicht ins Gewicht: Sie versteckt sich unter dem Titel "Sicherheit und Unionsbürgerschaft", aus dem auch die Bereiche Justiz und Inneres, Grenzschutz, Immigration und Asylpolitik, öffentliche Gesundheit, Verbraucherschutz, Jugend, Zivilschutz und Dialoge mit Bürgern bezahlt werden. Den aktuellen EU-Haushaltsplan kann man hier herunterladen (PDF).

Während weltweit am Freitag wieder Menschen für eine klimagerechtere Zukunft auf die Straße gegangen sind, erwacht auch die Kulturbranche langsam aus ihrem gut gepflegten Jetset-Schönheitsschlaf. Dirigenten (hier ist gendern noch unangebracht) mit drei Orchestern auf drei Kontinenten, Sänger*innen, die Meilen fressen -  und europäische Orchester, die sich über ausgedehnte Asien-Tourneen zusätzlich finanzieren, geraten ins Grübeln über ihre Fußabdrücke. Der Deutschlandfunk sendet dazu ein Feature.

Vom Wasser hatten wir es schon in der vergangenen Woche – nun hat es erneut die Deutsche Oper am Rhein getroffen. Nachdem schon im Mai im Duisburger Haus die Sprinkler-Anlage unerwünschter Weise die Bühne unter Wasser setzte, machte sich jetzt in Düsseldorf die Technik selbstständig. Immerhin: diesmal konnte der Spielbetrieb schneller wieder aufgenommen werden, weiß die NRZ.
 
An einem Leck ganz anderer Art leidet das Staatstheater Darmstadt. Hier sind die Finanzen aus dem Ruder gelaufen, weshalb ab Dezember nun Mitarbeiter*innen der Gesellschaft KPMG aushelfen. Zusätzlich wird auch ein "Fachmann für Theaterverwaltung" die Leitung des angeschlagenen Hauses unterstützen. Erlaubt sein soll die Frage, was die Leitung des Hauses dann eigentlich noch leitet und leistet?  Die Süddeutsche berichtet.

Kaum zu glauben, aber es gibt aus Rostock zu berichten. Wir erinnern uns: Da ging es einst hoch her zwischen Kulturpolitik und dem Volkstheater-Intendanten Sewan Latchinian. Nun einigte man sich außergerichtlich "nach konstruktiven Gesprächen". Der Ex-Intendant hatte auf Weiterbeschäftigung geklagt, über geleistete Vergleichszahlungen wurde nichts verlautbart. Details hat der NDR.
 
Als Gewinner konnten sich diese Woche viele fühlen: In Österreich wurden Theaterschaffende mit dem Nestroy ausgezeichnet, darunter Sibylle Berg und für’s Lebenswerk Andrea Breth. Leer aus ging allerdings die Oligarchen-Nichten-Darstellerin des Ibiza Videos, das die österreichische Politik gehörig durcheinander wirbelte. Einen Rückblick auf die Preisverleihung und alle Preisträger*innen gibt uns der Standard.
 
Der Junge Ohren Preis 2019 hat Nominierte und Preisträger*innen bekannt gegeben. In der Kategorie CHARAKTER wurde der Komponist und Interaktionskünstler Bernhard König ausgezeichnet. Die Nominierten in der Kategorie PROGRAMM sind: "HKB geht an Land" (Hochschule der Künste Bern), "kultursegel – Aufwind musische Bildung" (kultursegel gGmbH), "Orgelentdeckertage" (VISION KIRCHENMUSIK) und "Das PhilMobil" (Musikwerkstatt der Bremer Philharmoniker). Mehr Infos auf der Junge Ohren-Website.
 
Kulturpolitische Verlierer sind der Woche sind zwei kurdische Musiker, denen die Visa für ein Konzert in Deutschland verweigert wurden. Als formelle Begründung führt die Visastelle der Deutschen Botschaft in Ankara einen "mangelnden Nachweis der Verwurzelung" der beiden Musiker in ihrer Heimat an. Befürchtet wurde wohl, dass die beiden Künstler einen Asyl-Antrag stellen könnten, berichtet nachtkritik.
 
Bleibt uns zum Abschluss dem Friedrichstadt-Palast in Berlin zum 100. zu gratulieren. Nicht ganz uninteressant in heutiger Zeit, der Neubau von 1984 „sollte 219 Millionen Mark kosten, wir haben mit 213 Millionen abgeschlossen“ erzählt der damalige Oberbauleiter Jürgen Ledderboge dem Tagesspiegel stolz in einer lesenswerten Reportage. Also Licht aus, Geburtstagsspot an für die größte Bühne Europas.

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