KIBA / Schauspielerbewerbungen Vorarlberger Landestheater

Je purer, desto besser

14.08.2019

Stephanie Gräve, Foto: (c)Anja Köhler

Stephanie Gräve, Foto: (c)Anja Köhler

Warum Glück und Zufall oftmals eine große Rolle spielen, wie wichtig Empfehlungen sind, worauf sie beim Vorsprechen Wert legt und was ihr sonst noch wichtig ist, wenn es um Bewerbungen von Schauspieler*innen geht - darüber sprach Stephanie Gräve, Intendantin am Vorarlberger Landestheater, mit Karen Suender von Theapolis.

Welche Einstiegsgage zahlen Sie Berufsanfänger*innen?
Es gibt in Österreich keine tariflich festgelegte Mindestgage, aber die Kolleg*innen von der Intendant*innengruppe hier halten sich an den Deutschen Bühnenverein, um konkurrenzfähig zu sein. Entsprechend wurde hier auch auf 2000€ erhöht, soweit ich weiß - wir zahlen aber 2.200€. Dazu kommt nicht nur das 13. und 14. Monatsgehalt, sondern von diesen zusätzlichen Monatsgehältern gehen auch noch sehr wenig Steuern ab. Vergleichbar mit Deutschland würde ich schätzen, wären es ungefähr 2.400€.

Woher bekommen Sie normalerweise Ihre Solist*innen?
Ich arbeite eng mit Beate Darius von der ZAV in Berlin zusammen. Wenn wir jemanden suchen, wende ich mich eigentlich als erstes dort hin, und das funktioniert auch sehr gut.

So läuft es, wenn Sie konkret etwas zu besetzen haben?
Ja.

Machen Sie auch offene Vorsprechen?
Nein. Ich gehöre auch nicht zu den Intendant*innen, die Freude daran haben, sich möglichst viele Leute anzuschauen, weil mich das nur unglücklich macht. Weil man dann vielen Leuten absagen muss. Die vielen arbeitslosen Schauspieler*innen auf dem Markt sind ja nicht deshalb arbeitslos, weil sie nicht gut sind, sondern weil es zu wenig Arbeitsplätze gibt.

Gehen Sie zu Absolventenvorsprechen an den Hochschulen?
Nein. Das schaffe ich nicht. Ich verlasse mich auf Empfehlungen der ZAV.

Wie groß ist Ihr festes Ensemble?
Es sind acht Stellen.

Arbeiten Sie auch mit Gästen?
Ja, viel. Stückbezogen oder Teilspielzeitverträge.

Und Initiativbewerbungen ziehen Sie überhaupt nicht in Betracht?
Wir bekommen hier sehr viele Initiativbewerbungen, aber wenn diese nicht mit einer Empfehlung verbunden sind, ist es schwierig. Ich bekomme sehr viele Empfehlungen, z.B. vom Ensemble, von Regisseur*innen… Es hat ja eigentlich jeder, dem man am Theater begegnet, mindestens vier Leute unterzubringen. Da ich ein kommunikativer Mensch bin und auch Wert darauf lege, die Leute einzubinden, teile ich dem Ensemble und den Regisseur*innen mit, wenn wir eine Vakanz zu besetzen haben, und dann flattern die Empfehlungen ins Haus. Es kann durch Zufall auch mal sein, dass wir auf eine Initiativbewerbung zurückgreifen, die ausgerechnet in dem Moment kommt, wenn wir die Vorsprechen zusammenstellen, aber das ist die Ausnahme. Wenn jemand übers Jahr eine Initiativbewerbung schickt, geht das eher unter.

Gibt es denn generell einen besonders günstigen Zeitraum um sich zu bewerben?
Das ist immer unterschiedlich. Zur nächsten Spielzeit will ich die Vorsprechen im Januar 2020 machen.

Prinzipiell kann man aber sagen: Mit Initiativbewerbungen hat man nur Glück, wenn eine Empfehlung dabei ist oder der Zufall mitspielt?
Ja, genau.

Sammeln Sie die Bewerbungen denn irgendwo?
Anfangs haben wir ziemlich viel gesammelt, aber nach dem neuen Datenschutzgesetz dürfen wir die ja nicht mehr so lange aufbewahren, danach muss man extra die Erlaubnis dafür einholen, und das ist viel Aufwand. Deswegen habe ich irgendwann, als ich gesehen habe, der Ordner wird immer dicker, entschieden, Absagen zu schicken.

Das heißt, Sie antworten aber durchaus auf die Bewerbungen.
Nicht auf alle, manchmal geht schon was unter. Es ist ein sehr kleines Haus und ich habe keine Mitarbeiter*innen für mich persönlich, d.h. ich beantworte meine Mails selber.  Es sind solche Mengen, die da kommen - es ist tatsächlich nicht zu schaffen, auf jede einzelne zu antworten.

Und die, die per Post kommen? Schicken Sie die zurück?
Zum Teil halten wir die in Evidenz. Die Postsachen gebe ich eigentlich immer an die Dramaturgie weiter, da müsste ich die jetzt fragen, ob sie es wirklich schaffen, alle zu beantworten.

Was ist Ihnen denn prinzipiell lieber - Post oder E-Mail?
E-Mail. Es macht die Kommunikation einfach leichter.

Haben Sie bestimmte Ausschlusskriterien?
Wenn Bewerbungen kommen, die an den Vorgänger gerichtet sind, wenn fette Fehler oder falsche Namen drinstehen, dann kommen die tatsächlich sofort weg.

Wie sieht es mit der Ausbildung aus? Ist es egal, ob privat oder staatlich?
Lieber staatlich, es sei denn, es gibt eine Empfehlung. Die ZAV empfiehlt mir durchaus auch Leute von privaten Schulen. Jemanden von einer privaten Schule würde ich aber initiativ nicht einladen.

Wie sollte eine Bewerbung für Sie aussehen - rein formal gesehen?
Da habe ich eigentlich keine besonderen Vorlieben.

Und gibt es etwas, das Sie gar nicht mögen?
Nein, eigentlich nichts.
Natürlich spielt die Ästhetik eine Rolle. Wenn man das Gefühl hat, der oder die präsentiert sich, als würde er sich für ein kommerzielles Musical bewerben, dann fühlt man sich einfach nicht so gemeint.

Wieviele Fotos hätten Sie gerne?
Eher weniger. Zwei, maximal drei Fotos reichen. Nur ein Foto ist auch vollkommen okay.
Porträt-, kein Bühnenfoto.

Gibt es sonst etwas, was Ihnen wichtig ist?
Man muss irgendeinen Anknüpfungspunkt finden. Es ist oft einfach Glücksache - wenn z.B. jemand schonmal mit einem Regieteam gearbeitet hat, das ich kenne oder ich den- oder diejenige mal gesehen habe o.ä. Irgendwas muss mich dazu verleiten, das zu öffnen und mich damit zu beschäftigen.

Sollte man auch anrufen oder anderweitig nachhaken, wenn man eine Bewerbung geschickt hat?
Auf gar keinen Fall. Dadurch, dass ich kein Sekretariat oder Vorzimmer habe, ist es für mich eine Katastrophe, wenn mich Leute anrufen. (lacht)

Wie lange dauern die Vorsprechen bei Ihnen?
Wir setzen immer eine Dreiviertelstunde an.

Was ist Ihnen wichtig beim Vorsprechen?
Gerne zwei bis drei Rollen, eine klassische, ein moderner Text - und ich habe es auch immer gern, wenn die Leute was singen. Oft sieht man dann noch mehr von der Persönlichkeit. Bei dem klassischen Text ist mir wichtig, dass es sich wirklich um historische Sprache handelt. Ich möchte sehen, wie Menschen mit etwas umgehen, was von ihrer Wirklichkeit entfernt ist.
Ich persönlich mag es auch lieber, wenn die Kandidat*innen beim Vorsprechen nicht so aufwendig mit Kostümen oder Requisiten versorgt sind. Ich möchte weniger eine Inszenierung sehen. Ich möchte wirklich was von den Leuten sehen und nicht möglichst gut unterhalten werden. Je purer, je mehr ich von den Menschen selber sehe, desto besser. Ich brauche nichts total Raffiniertes oder Durchinszeniertes. Das finde ich persönlich oft uninteressanter. Natürlich schon auch handwerkliche Fähigkeiten und Ausbildung und so, aber eben nicht Regie-Ideen.

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