KIBA / Schauspiel Heidelberg

"Sprechen Sie uns an!"

20.08.2019

Holger Schultze, Foto: (c)Sebastian Bühler

Holger Schultze, Foto: (c)Sebastian Bühler

Holger Schultze, Intendant am Theater Heidelberg, sprach mit Karen Suender von Theapolis darüber, was Schauspieler*innen bei einer Bewerbung beachten sollten, wie in Heidelberg die Vorsprechen ablaufen und warum das persönliche Kennenlernen so wichtig ist.

Welche Mindestgage bezahlen Sie Berufsanfänger*innen?
Mehr als die tarifliche Mindestgage, und zwar 2.100,-€.
Wir haben überdies eine Planungssicherheit für 5 Jahre. In diesem Zeitraum haben wir auch die Garantie, dass die Stadt alle Tarifsteigerungen übernimmt.

Wie gehen Sie mit Initiativbewerbungen um?
Über die E-Mail-Adresse theater@heidelberg.de landen die direkt in der Intendanz. Ich gucke zuerst drüber, und dann gehen die an die einzelnen Sparten-Leiter. Im Schauspiel ist meine Ansprechpartnerin für Bewerbungen die Dramaturgin Maria Schneider.

Werden denn bei Ihnen die Solovakanzen auch über Initiativbewerbungen besetzt?
Im Schauspiel gibt es sehr viele Initiativbewerbungen. Leichter haben es da junge Schauspieler*innen, die werden häufiger gesucht. Da wir auch mit Gästen arbeiten, besteht schon die Möglichkeit, dass da doch immer mal was reinkommt.
Ich würde jedem empfehlen - abgesehen von den Initiativbewerbungen - sich wirklich mal bei uns im Theater was anzugucken und uns bei der Premiere direkt anzusprechen. Es läuft auch viel über persönliches Kennen, da muss man überhaupt nicht drumherum reden.
Ein wichtiges Kriterium ist für uns: Wo wurde jemand ausgebildet? Und natürlich auch: An welchen Theatern hat er/sie gearbeitet?

Ist eine private Ausbildung ein Ausschlusskriterium?
Sagen wir mal so: Es ist kein beförderndes Kriterium. Es ist schwieriger. Bei den Massen an Schauspielabsolventen und den wenigen Vakanzen an einem Stadttheater werden die Bewerbungen von staatlich ausgebildeten Schauspieler*innen schon eher berücksichtigt.

Wie wünschen Sie sich Bewerbungen, rein formell gesehen?
Jetzt sage ich Ihnen was ganz Zynisches: Ich halte das Ganze für total überschätzt. Ich kenne alles: von Rosa Briefbögen über Handschriftliches, viele Fotos, lange Texte - letzten Endes hilft das überhaupt nichts. Es geht wirklich um die harten Fakten. Mir persönlich ist ein klares Anschreiben von sechs, sieben Zeilen am liebsten. Und eine gute Vita angehängt, was jemand spielt, wo er/sie sich sieht, was für Sprachen er/sie sprechen kann - das ist bei uns wichtig, weil wir sehr international ausgerichtet sind, wir haben den Stückemarkt, machen mit Lateinamerika sehr viele Projekte zusammen… Und natürlich ist man da schon interessiert, wenn jemand Spanisch oder Englisch sehr gut kann. Eine gute tabellarische Vita, was man im künstlerischen Bereich gemacht hat, das ist das Entscheidende.

Gerne auch alles in einer PDF, oder bekommen Sie lieber Post?
Wenn man so ein PDF schickt, ist es wichtig, dass man wenigstens so tut, als würde man das Theater meinen, wo man sich bewirbt und nicht die Intendantennamen verwechseln o.ä., das ist dann sicher ein Ausschlusskriterium. Was ich empfehle ist, sich ein bisschen damit zu beschäftigen, was für ein Theater das ist, an dem man sich bewirbt. Wir arbeiten mit internationalen Festivals, und wenn Sie dann hierher kommen und Sie haben Flugangst, ist das einfach unsinnig. Das ist schon eine Frage, die wir stellen: „Warum wollen Sie nach Heidelberg?“

Der Umfang einer Bewerbung per E-Mail sollte 3 MB nicht überschreiten.

Haben Sie bestimmte Wünsche, die Fotos betreffend?
Nein.

Gibt es einen besonders günstigen Zeitraum, um sich zu bewerben?
Es gibt zwei gute Zeiträume: Oktober, weil da die Nichtverlängerungen ausgesprochen werden. Die Erfahrung ist: dann schlägt der Markt zu, so bis Januar/Februar. Und dann gibt es nochmal eine super Phase im Februar/März.

Ist es da auch ratsam, mal anzurufen und nachzuhaken?
Davon würde ich abraten.

Antworten Sie generell auf Bewerbungen?
Bei Briefen versuchen wir zu antworten, bei E-Mails ist es sehr unterschiedlich. Der Wille ist da, aber ob man es immer schafft, wage ich zu bezweifeln.

Wie laufen die Vorsprechen bei Ihnen ab?
Allgemeine Vorsprechen gibt es eher nicht, wir suchen eher gezielt und schauen uns dann auch mehrere an. Das übliche Vorsprechprogramm dauert so 20-25 Minuten, zwei oder drei Rollen (nicht zu lang!). Und wir versuchen danach auch herauszufinden: passen die in ein Ensemble, passen die nach Heidelberg? Und genauso müssen die das ja auch entscheiden für sich selbst. Es ist ja ein gegenseitiges Kennenlernen. Und darum empfehle ich wieder, sich vorab mit dem Haus zu beschäftigen.

Arbeiten Sie auch mit den Schauspieler*innen beim Vorsprechen?
Auch das ist sehr unterschiedlich. Manchmal laden wir Leute ein zweites Mal ein und arbeiten, manchmal engagieren wir auch Leute direkt nach dem Vorsprechen.

Gibt es etwas, von dem Sie abraten würden, in Bezug auf den Bewerbungsprozess?
Nein. Wie gesagt: die Vita zählt, und über die Bewerbung und Empfehlung kommt es dann ganz schnell zum Vorsingen oder Vorsprechen. Hier vielleicht als Tipp: Sich immer fünf Minuten lang umziehen, hilft nicht unbedingt.
Und nochmal: der persönliche Kontakt ist hilfreich. Sprechen Sie uns an!

Gibt es sonst noch etwas, was Sie den Kolleg*innen gerne mit auf den Weg geben möchten?
Sich nicht entmutigen lassen. Sie können sicher sein: allen fällt es schwer („Ansprechen kann ich nicht und beim Vorsprechen ist es auch so schwierig“). Und ich finde, man kann es ja auch gegenseitig sehen: Es ist ja nicht nur eine Prüfungssituation, sondern letzten Endes ist ja ein Vorsprechen auch eine ganz tolle Möglichkeit, das Team kennenzulernen. Und man kann ja auch mal zwei, drei Fragen stellen, sodass man einfach was erfährt. Man redet und findet sich sympathisch oder nicht - und das ist ja aber dann auch gegenseitig. Was hilft es Ihnen, an einem Theater zu sein, wo Sie die Kollegen nicht sympathisch finden? Auf dieses Subjektive sollte man vertrauen.
Und wenn ich noch einen Tipp geben darf: Vorsicht mit „pokern“! Bei mir persönlich ist es so: sobald angefangen wird mit Pokern, breche ich ab.

Was genau meinen Sie mit „pokern“?
„Ja, also, ich sage mal zu, aber dann habe ich da noch ein Vorsprechen, dann warte ich noch ne Woche usw…“
Es ist vollkommen in Ordnung, wenn man sagt: „Ich habe noch zwei Vorsprechen, ich sagen Ihnen in zehn Tagen Bescheid.“ Aber dieses Spielen und sich das warm zu halten und gleichzeitig zu gucken, ob noch was Besseres kommt - da kenne ich viele Kollegen, die da keinen Bock drauf haben.
Und ich kann nur sagen: manchmal ist das Engagement an einem mittelgroßen Haus besser als die vermeintliche Hoffnung auf das große Engagement, was nie kommt.

Sicherlich ist es auch da nicht falsch, auf sein Bauchgefühl zu hören.
Total. Ich beobachte zum Beispiel die Tendenz, dass viele Anfänger inzwischen - was ich sehr klug finde - gar nicht mehr an die ganz großen Häuser wollen, weil sie da nicht zum Spielen kommen. Wenn jemand sagt: „vor allen Dingen will ich spielen!“, dann kann ich nur sagen: „Sehr gut, Kollege, das machst Du an einem mittelgroßen Haus.“ Letzten Endes ist das ja auch die Basis, wie beim Sport: erstmal trainieren und sich ein paar Jahre „durchspielen“.  Das ist auch noch ein Tipp: eher zu gucken, dass man auch VORKOMMT - ohne es zu erzwingen.

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