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14.09.2016

Freie Darstellende Künste: Zusammenwachsen

Bundesweit steht ein Generationenwechsel an in den Häusern der Freien Szene. Wie gehen die Gründer*innen hiermit um? Wer sind die Neuen, die diese Räume füllen? Was bietet die Kulturpolitik an? Wir werfen einen Blick nach Flensburg, zur Theaterwerkstatt Pilkentafel.
Die Theaterwerkstatt Pilkentafel in Flensburg wird achtzehn Jahre alt. Endlich volljährig, so die eigene Interpretation - und damit auch Zeit, sich Gedanken um die Zukunft zu machen. Das Thema Generationenwechsel steht ins Haus - wie bei so vielen Institutionen, die seit den Achtzigern eigene Spielstätten betreiben. Dies ist einer der Gründe, bei weitem jedoch nicht der einzige, warum sich die Gründer*innen Elisabeth Bohde und Torsten Schütte entschieden haben, zur Spielzeit 2016/17 tiefgreifende Strukturveränderungen im eigenen Haus vorzunehmen. Diese wiederum verdienen ein genaueres Hinsehen, denn mit dem, was das Theater am nördlichen Rand Schleswig-Holsteins direkt auf der deutsch-dänischen Grenze in den kommenden Jahren vorhat, könnte es durchaus zum role model werden – und nicht nur für kleine, freie Häuser.

VORWORT
Ich bin nicht objektiv. Als Freischaffende in den darstellenden Künsten im norddeutschen Raum bin ich persönlich sowohl mit den genannten Personen bekannt, habe mit zwei Fünfteln zusammen studiert, und bin darüberhinaus bereits mit dem ersten getippten Zeichen dieses Artikels Befürworterin des vielbeschworenen Wandels der deutschen Theaterlandschaft. Als freie Produktionsleiterin faszinieren mich Organisationsmodelle für Kunst- und Kulturproduktion per se, Veränderungsprozesse im Besonderen und Mut zum Neuen sowieso.

RÜCKBLENDE
Vor über 32 Jahren gründet sich das Ensemble um Elisabeth Bohde und (später) Torsten Schütte in Flensburg, bereits am heutigen Standort Pilkentafel Nr. 2, das in den achtziger Jahren bundesweit auf sich aufmerksam macht. Es folgen viele Jahre sowohl regionaler als auch bundesweiter Arbeit, Touring und internationale Kooperationen als fester Player im Dunstkreis des Goethe Instituts. 1998 wird das Arbeits- und Wohnhaus zur eigenen Spielstätte umgebaut. Diese wurde dann 18 Jahre lang  als Heimat der Theaterfamilie in Eigenregie und in mehr oder minder allen Rollen betrieben. Hier beginnt nun das neue Kapitel: mit Beginn der Spielzeit 2016/17 sind die Strukturen anders geworden.

NEUES KAPITEL
Mit dem Regisseur Peer Ripberger als Teil der künstlerischen Leitung, sowie Manuel Melzer und Esther Sievers auf den neu geschaffenen Stellen der Haustechnik und der Öffentlichkeitsarbeit erweitert sich das Team. Zwar bleiben Bohde und Schütte Geschäftsführer und zusammen mit Ripberger Gesellschafter der gGmbH, das Ziel lautet jedoch, sich nach und nach aus der organisatorischen Leitung des Hauses zurückzuziehen und als Ensemble in residence weiterzuarbeiten. Was ist nun das Besondere daran? Das alles klingt nicht neu und ist es in vielen Teilen auch nicht. Dennoch stehen einige Stellschrauben etwas anders als bei vergleichbaren Prozessen aus den letzten Jahren.

TRANSITION
Es geht der ersten Pilkentafel-Generation eben nicht darum, Nachfolger*innen zu finden, ihr Erbe in ihrem Sinne fortgesetzt zu sehen, sondern gemeinsam mit den nächsten Generationen ein neues Theater zu kreieren. Entsprechend fallen Entscheidungen über neue Produktionen, den Spielplan und die grundsätzliche künstlerische Ausrichtung schon jetzt gemeinsam. Nicht alle müssen von jeder Produktion zu 100% überzeugt sein, aber man berät sich gegenseitig, kooperiert in wechselnden Aufgabenverteilungen, lernt voneinander. Was für die Einen nach einem basisdemokratischen Alptraum klingt, ist für die Pilkentafel eigentlich kein neues Modell. Mieke Matzke hat unzweifelhaft recht, wenn sie konstatiert, 'das Freie Theater' gebe es nicht. Die Suche nach alternativen Modellen zum mehr oder weniger (Seien wir ehrlich: meistens mehr) durchhierarchisierten Stadt- und Staatstheaterbetrieb eint jedoch die allermeisten in ihren Anfängen.  Freie Ensembles erprobten Kunstproduktion in kollektiven Strukturen mit flachen Hierarchien und fanden mannigfaltige Umsetzungen dieses Credos – oder fanden sich schließlich doch in Organisationsformen wieder, welche den ehemals abgelehnten Institutionen erstaunlich ähnelten. Wieviel Demokratie ist der Kunst zuträglich und wann beginnt man, den Zerrede-Prozess vor das gemeinsame Vorhaben zu stellen? Elisabeth Bohde und Torsten Schütte bringen hier einige Jahrzehnte Erfahrung mit, sind gewissermaßen Expert*innen für solcherlei Prozesse, welche gerade jüngere Formationen aller Orten wieder vermehrt versuchen.


ÖFFNEN UND TEILEN
Der Gedanke, das Haus zu öffnen ist laut Elisabeth Bohde schon lange klar gewesen. Das Theater mit wenigen Menschen im engsten Familienkreis zu betreiben war nicht der Herzenswunsch, sondern die ökonomisch machbare Lösung in einer sehr knappen öffentlichen Förderlandschaft. An die nun eintretenden Änderungen sind insofern große Hoffnungen geknüpft: man will wieder mehr künstlerisch tätig sein und gleichzeitig nicht den Druck haben, mit nur zwei Leuten ein Haus das ganze Jahr über befüllen zu müssen. Man wünscht sich den Austausch, setzt sich neuen Menschen, anderen Ästhetiken auch genussvoll aus. Es geht also keineswegs ums Aufhören für die Älteren. Und für die Jüngeren geht es weder um eine komplette Übernahme, noch um kurzfristige, projektweise Produktionsmöglichkeit. Eines haben Elisabeth Bohde und Torsten Schütte in ihrer Suche nach Partner*innen dann doch vorausgesetzt: sie wünschen sich Menschen, welche sich langfristig mit der Pilkentafel und letztendlich auch Flensburg verbinden wollen. Das bedeutet nicht zwangsweise, 365 Tage im Jahr in Flensburg sein zu müssen. Im Gegenteil: die Künstler*innen schwärmen aus, arbeiten andernorts in anderen Kontexten, touren vielleicht die eine oder andere Produktion, bringen die Impulse von dort wieder mit nach Flensburg. Mitdenken am Gesamtkonzept Pilkentafel ist trotzdem durchgängig gefordert. Wobei wir wieder beim basisdemokratischen Alptraum wären. Denn eines muss man für alle Schritte, die diese Gruppe Menschen nun zusammen geht, deutlich betonen: Das muss man wollen und das muss von den Beteiligten selbst kommen.

ÜBERTRAGBARKEIT
U.a. vor diesen Hintergrund wäre es Irrsinn, das Modell Pilkentafel pauschal als Matrize für andere, v.a. andersartige Institutionen vorschlagen zu wollen. Keine Umstrukturierungsmaßnahme von „oben“ (in den meisten Fällen: der Verwaltung) wird zu dem führen, was sich organisch und als Folge von Begegnungen von Menschen entwickelt. Dennoch lohnt es sich, diesen spezifischen Generationenwechsel zum Anlass zu nehmen, um die etablierten Systeme zu befragen.

Die großen Kooperationshäuser, Ende der Neunziger in ihrer heutigen Form begründet, sind mehrheitlich den Weg der Institutionalisierung gegangen – mit Positionen für künstlerische Leiter*innen und Kurator*innen an ihren Spitzen, anders als an Stadt/Staatstheatern, aber irgendwie doch verdammt ähnlich. Die Grenzen zwischen diesen Institutionen und freier Szene werden ästhetisch und auf ihre Akteur*innen bezogen zunehmend fließend, wie auch Thomas Oberender in seinem Impulsvortrag „Theater neuen Typs“ anlässlich des 2015er-Kongresses des Bundesverbands freie darstellende Künste zum Thema Theaterstrukturen der Zukunft konstatiert und eine Aufhebung der Trennung fordert.

MEHR IST MANCHMAL WENIGER
Die Medien bringen derzeit, meist anlässlich des Berliner Theaterstreits um Chris Dercon und die Volksbühne, fast wöchentlich einen Grundlagenbericht zur dringend nötigen Veränderung der Theaterlandschaft. Einen interessanten Aspekt spricht Tobi Müller in seinem Bericht „Die neue Stadt und ihr altes Theater“ (br) an: „Der künstlerische Kern der Häuser bleibt meist stabil, es kommen nur immer mehr äußere Schichten hinzu. Das ist nicht Wandel, sondern Wachstum. Und Wachstum statt Wandel heißt: mehr Geld, mehr Veranstaltungen, mehr Arbeit für die Schauspieler. Aber weniger Zeit zum Nachdenken, weniger Kunst. Weniger neue jedenfalls.“ Letzteres sei dahingestellt. Die Tatsache jedoch, dass seit gefühlt 100 Jahren bzw. auch real 100 Jahren kaum etwas an der grundlegenden Art und Weise geändert wurde, wie Theater geleitet werden (müssen) und v.a. von der staatlichen Verwaltung behandelt werden – nämlich als kleine Behörden – gibt einem jedoch einen ganz guten Hinweis, wo man ansetzen könnte.

Diese Debatte ist nicht ganz neu. Bereits 2011 warf die Bewerbung des Intendantenensembles auf die Leitung des Neumarkt Theaters in Zürich Fragen auf: muss es immer eine Leitungsetage, Wenige an der Spitze von Vielen sein? Kann man das nicht anders managen? An der Spitze von so gut wie allen etablierten Kulturorganisationen stehen derzeit Gatekeeper*innen, die entscheiden, wer rein darf und wer nicht. Und beim Blick auf die Beschaffenheit dieser Organisationen, die schiere Größe, die Spielpläne, die Belegschaft, die sie umgebenden Szenen, Städte und (kultur)politischen Partikularinteressen, erscheint das seltsam alternativlos. Schließlich ist auch klar, wessen Kopf im Zweifelsfalle rollt. Oder? Leider leitet sich daraus offenbar auch ab, wer mit Chef beim nächsten Intendantenkarussel mit darf und wer nicht, wer von der alten Belegschaft bleiben darf und wer sich was Anderes suchen muss. Diese und andere Umstände kritisiert auch das jüngst gegründete bundesweite Ensemblenetzwerk. Schauspieler*innen, Assistent*innen, Dramaturg*innen, sie alle haben immer weniger Lust, bewegliche Güter zu sein.

LOB DER PROVINZ
Es kommt nicht von ungefähr, dass ein Modell wie das der Pilkentafel in Flensburg entsteht - und nicht in Berlin. Die Theater in den Zentren, insbesondere in der Hauptstadt, und insbesondere die der Freien Szene sehen sich anderen Fragestellungen gegenüber als jene in der Fläche.
Peer Ripberger schätzt diese Arbeit abseits der Epizentren. Er könne in Flensburg langfristig und in großer Regelmäßigkeit seine Arbeit machen, ohne sie jemandem vorschlagen zu müssen. Es sei überhaupt möglich, eine Handschrift zu entwickeln, das Marktgeschehen sei weit weg, ergebnisoffene Versuche ohne Angst vor dem Scheitern seien an der Pilkentafel möglich. Gleichzeitig bekomme man selbst die Gelegenheit, das Publikum einschätzen und kennen zu lernen und eben nicht gesagt zu bekommen, was funktioniere und was nicht. Elisabeth Bohde betont, Flensburg sei für viele auch ein Realitätscheck: Interessiert ein Nicht-Expert*innen-Publikum das, was ich hier mache? Versteht man das? Gleichzeitig kam auch für sie mit den anderen Ästhetiken und Projekten ein neues Publikum ins Haus, ohne die langjährigen Stammgäste zu verscheuchen. Das Flensburger Publikum scheint offen für ein vielfältigeres Profil.
Da mag die Theaterwerkstatt Pilkentafel mit einem kleinen Stadt- oder Landestheater vielleicht mehr Berührungspunkte haben als mit einem vergleichbaren Freien Haus in Berlin. Und gerade das gibt den Anlass, um über regionale Übertragbarkeiten nachzudenken.

Wenn nun zum wiederholten Male über den grundlegenden Wandel, auch auf einer Ebene von Entscheidungsfindung, von Umgangston, von Enthierarchisierung in den alten Theatern diskutiert wird, besteht ja möglicherweise die reale Chance, dass diese in den nächsten Jahren auch tatsächlich eintreten. Sollte dies der Fall sein, wäre es fatal, die vorhandenen Expert*innen für schlanke, kollektive, enthierarchisierte Arbeitsweisen bis dahin auszuhungern oder in andere Sektoren abwandern zu lassen. Genau das geschieht jedoch im Zuge der Entschuldung gerade allerorts, denn so sehr die Hiobsbotschaften über kaputtgesparte Stadttheater die News auch bestimmen, die kleinen Strukturen sind es am Ende, die an den zugefügten Wunden verbluten.

RAUM GEBEN
Wie bereits gesagt: ein Wandel wie in Flensburg lässt sich nicht von oben aufoktroyieren. Aber man kann ihn geschehen lassen, ihn „erlauben“, ihm Raum geben. Und in Kauf nehmen, dass es dafür vielleicht ein paar Premieren weniger in der Statistik des Landesrechnungshofes gibt. Die Freie Szene, so Bohde, ist immer auch eine Geschichte von Begegnungen. Diese Begegnung ist auch in Flensburg noch nicht abgeschlossen, das derzeitige Team ist offen für weitere potentielle Partner*innen – aus allen Generationen. Jedes Plädoyer für ein Idealmodell für Alle ist so albern, wie Patentrezepte nun einmal sind.  Jedoch lässt sich definitv die Frage ableiten, wie sehr die öffentliche Hand ihre eigenen Funktionsweisen weiterhin so auf Theater anwenden sollte, wie sie es aktuell tut. Was spricht dagegen, jene Strukturveränderungen bottom up passieren zu lassen? Derlei Fragen stehen aus meiner Sicht am Beginn einer konkreten und konstruktiven Debatte rund um „Neue Theater“, denn auch hier braucht es eine Mehrzahl, so es denn überhaupt ein Schlagwort braucht. Es muss ja nicht immer gleich Basisdemokratie 24/7 sein. Aber auch die Berliner Philharmoniker wählen sich ihre*n Chefdirigent*in. Bundesprogramme wie „Kultur macht Stark“ vertrauen darauf, dass die drei nötigen Partner*innen sich selbst finden. Und so zeigt sich doch: es geht ja offenbar, das mit dem self management. Huch.

KOSTENPUNKT
Diese Form des Generationenwechsels ist zunächst sicherlich nicht billig für die öffentlichen Kassen – weil erfolgreiche Generationenwechsel, Wissenstransfer, Kompetenzbildung, Wandel nie billig sind. U.a. deshalb gibt es Fördermitteloptionen für Generationenwechsel in Familienunternehmen und mittelständischen Betrieben aus dem Wirtschaftssektor. Wo aber sind diese Töpfe für die Freie Kulturszene oder auch die Soziokulturellen Zentren? Weder auf Landes- noch auf Bundesebene scheint man vorbereitet auf diesen Moment. Es wäre dringend geboten, Programme aufzulegen, die diese Übergänge fördern und stützen. Dass es dauerhaft teurer wird, wage ich allerdings zu bezweifeln – u.a. weil ein professionelles, künstlerisch anspruchsvolles Angebot in und außerhalb von Zentren eine verdammt gute Investition ist. Vielleicht ziehen dann ja irgendwann auch wieder junge Kunstschaffende nach nicht-Berlin.

http://www.festivalimpulse.de/de/news/96/henning-fuelle-ueber-die-freie-szene

http://www.theatermanagement-aktuell.de/2011/12/16/intendantenensemble-bringt-schwung-in-diskussion-um-fuhrungsmodelle-fur-theater/
http://www.theaterpolitik.de/index.php/diskurse/das-stadttheater-reif-fuer-reformen/342-kollektives-arbeiten-ist-chefsache

http://nachtkritik.de/index.php?view=article&id=7472:hildesheimer-thesen-v-n&option=com_content&Itemid=84

http://kongress2015.freie-theater.de/assets/Uploads/TextOberender.pdf

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/nachtstudio/mueller-stadttheater-100.html

[MT]
veröffentlicht in der Kategorie: Kulturpolitik

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