Wochenrückblick #45

Intendantengehälter

10.11.2018

Kohle

"Das Theater hat leider kein Geld" ist ein gängiges Narrativ, das alle Theater-Mitarbeiter*innen kennen, die jemals Gagenverhandlungen geführt haben. Um dieses Thema zu vertiefen und zu überprüfen, haben wir heute das Hamburger Transparenzgesetz und einen Wiener Vergleich zu bieten. Dabei kann man ins Grübeln kommen, ob das Theater wirklich kein Geld hat - bzw. für wen...

Hamburg hat ein Transparenzgesetz. Das führt dazu, dass der Hamburger Senat einmal jährlich die Gehälter der Chefetagen der städtischen Firmen veröffentlichen muss. Neu ist, dass die Chef-Gehälter nun sogar mit den Durchschnittsgehältern der Mitarbeiter*innen im Betrieb verglichen werden. In den allermeisten Hamburger Stadtbetrieben erhalten die Chefs das 2- bis 5-fache der Durchschnittsvergütung ihrer Mitarbeiter*innen. Bei den Theatern ist das Verhältnis etwas krasser: Zwischen 4,9 und 8,3-fach. Vier Hamburger Theaterintendant*innen verdienen mehr als der Hamburger Bürgermeister. Die Chefs anderer Hamburger Kulturinstitutionen verdienen deutlich weniger (z.T. die Hälfte) -  dort ist jedoch das Durchschnittsgehalt der Angestellten höher. Interessante Zahlen, die man diskutieren sollte:

  • HamburgMusik gGmbH, Christoph Lieben-Seutter: 274.088 €/Jahr (Durchschnitt Angestellte: 54.296 €, Verhältnis 1:5,7)
  • Hamburgische Staatsoper, Georges Delnon: 245.000 €/Jahr (Durchschnitt 30.047 €, 1:8,32)
  • Thalia Theater GmbH, Joachim Lux: 209.541 €/Jahr (Durchschnitt 42.600 €, 1:4,92)
  • Neues Schauspielhaus, Karin Beier: 205.000 €/Jahr (Durchschnitt 39.450 €, 1:5,23)

Zum Vergleich:
  • Hamburger Stadtverwaltung, Bürgermeister Tschentscher: 199.594 €/Jahr (Durchschnitt 50.500 €, 1:3,95 )
  • Deichtorhallen GmbH, Dirk Luckow: 138.000 €/Jahr (Durchschnitt 47.000 €, 1:2,94)
  • Filmförderung HH-SH, Maria Köpf: 120.000 €/Jahr (Durchschnitt 47.600 €, Verhältnis 1:2,52)
Quelle
Der Kommentator des Hamburger Abendblatts schlägt eine Deckelung der Spitzengehälter vor.

Wiener Schmäh
Noch eine Intendantengeschichte: Es geht um den "schillerndsten und größten Finanzskandal in der Nachkriegsgeschichte des deutschsprachigen Theaters", wie die FAZ schreibt. Es geht um das Wiener Burgtheater und Matthias Hartmann. Während der Hartmann-Intendanz bis 2014 entstand dem Burgtheater ein finanzieller Schaden in zweistelliger Millionenhöhe aufgrund von mangelhafter Buchführung, Steuerhinterziehung und fehlender Abschreibungen. Doch nicht nur das, auch die Mitarbeiter*innen sprachen Hartmann das Misstrauen aus: "Uns ... wird seit Amtsantritt von Matthias Hartmann die jederzeitige Kündigung als Sparmaßnahmen-Rute ins Fenster gestellt, was einer unwürdigen und unproduktiven Angstpolitik entspricht" schrieben 83 Mitarbeiter*innen ihrem Chef ins Stammbuch, wir berichteten.

2014 erfolgte die Entlassung, danach begann ein Rechtsstreit - und, muss er jetzt ins Gefängnis? Nein, Matthias Hartmann erhält mehr als 500.000 € für entgangene Honorare und Pensionszahlungen, denn der Streit endet in einem Vergleich - und auch das Burgtheater bezieht noch Zahlungen in sechsstelliger Höhe aus einer Management-Haftpflichtversicherung. Shakespearisch. Weich gefallen allerseits. Allein die Ex-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky, muss sich noch vor Gericht verantworten. Was die FAZ ein "Bauernopfer" nennt. Alle Hintergründe und Verflechtungen in der FAZ.

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