Wochenrückblick #37

Von Platz und Raum für Theater

16.09.2018

Schlampige Zensur in China, ein neuer Europäischer Dachverband für die freien darstellenden Künste, endlich gute Nachrichten im Gentrifizierungs-Kultur-Verdrängungs-Raumnot-Diskurs und ganz viel Gold. Und noch was? Jede Menge Karriere-Entscheidungen.

Die Relevanz von Theater (und auch Kunst im Allgemeinen) beweist sich dort, wo es zu kämpfen hat. Wo Zensoren Verbote aussprechen und wo Politik plötzlich Einfluss nimmt, zeigt sich, dass das Theater Wirkung hat, auf gesellschaftliche Debatten und Meinungsbildung.

In China scheint die Zensur im Falle der nach Peking eingeladenen Inszenierung „Ein Volksfeind“, die Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne zur Premiere brachte, das Theater nicht ernst genug genommen zu haben. Nach der ersten Vorstellung durfte die Inszenierung nur noch entschärft gezeigt werden, der zweite Ort der Tour durch die Volksrepublik, das Theater in Nanjing, sagte gleich ganz ab, wegen „technischer Probleme“. Ostermeier dazu im Deutschlandfunk: „In China haben wir dann begriffen, dass die Kollegen sich das Video nicht angeguckt haben. Dass die nicht wussten, was in dieser Aufführung passiert."  Hier der Bericht im Deutschlandfunk und der Berliner Morgenpost.

In dieser Woche hat sich der Europäische Dachverband der freien darstellenden Künste in Wien gegründet. Seine Mitglieder kommen aus Österreich, der Schweiz, Bulgarien, Rumänien, Tschechien, Ungarn, Schweden, Italien, Spanien und Deutschland. Als Ziele nennt der Verband „die Rahmenbedingungen der darstellenden Einzelkünstler*innen, Künstler*innengruppen, von freien Theatern und anderen künstlerischen Unternehmen sowie von allen mit der Branche verbundenen Berufsgruppen und Infrastrukturen in struktureller, sozialer, rechtlicher, finanzieller, politischer, organisatorischer, künstlerischer und kultureller Hinsicht verbessern.“ Nach zu lesen unter anderem hier, auf der Homepage des deutschen BfdK. Dass es den Verband allerdings nicht schon seit Jahren gibt, verwundert sehr!

In Zeiten der Landflucht, der Nachverdichtung der Städte und der immer noch nicht wirksamen Mietpreisbremse sind wir es gewohnt, von Theatern zu hören, die ihre Innenstadt-Lage aufgeben müssen. Umso mehr kann man sich über folgende zwei Nachrichten freuen:

In Berlin ist das Theater o.N. endlich glücklich in seine Räume in der Kollwitzstraße im Prenzlauer Berg zurückgekehrt. Nach langem Ringen und nur mit der Zusage des Berliner Senats für die Nachrüstung des Lärmschutzes zu sorgen, ließen sich die Besitzer der Immobile umstimmen. Die Auflagen, die der bis 2022 laufende Mietvertrag enthält, sind allerdings heftig: „Theater darf nur bis 22 Uhr gespielt werden, bei geschlossenem Fenster. Sonntags gibt es kein Vormittagsprogramm mehr ab 11 Uhr, nachmittags nur in der Zeit von 15 bis 18 Uhr.“ berichtet die Berliner Zeitung.

In Hamburg ist endlich der schon lange in Planung befindliche Standort für das Junge Schauspielhaus, die Theaterakademie und das Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater vom Senat beschlossen worden. Er wird in Barmbek in der Nähe von kampnagel, dem Museum der Arbeit und direkt neben dem schon mitten im Bau steckenden Freien Theaterzentrum Wiese entstehen. Alle Beteiligten, die schon lange auf unterschiedliche Arten an Raumknappheit litten, hoffen damit auf eine deutliche Verbesserung. Der Bericht der Welt hier.
 
 
Karrieren
Und dann noch all diese Karriere-Entscheidungen. Heute von Nord nach Süd.

Hildesheim: Oliver Graf wird neuer Intendant und Geschäftsführer des Theaters für Niedersachsen TfN in Hildesheim, während Jasmina Hadžiahmetović die Leitung des Schauspiels übernimmt. Die Hannoversche Allgemeine stellt die beiden vor.

Ruhrfestspiele Recklinghausen: Jan Hein wird der Chefdramaturg des neuen Intendanten Olaf Kröck. Zuletzt war Jan Hein Leitender Dramaturg am Schauspiel Stuttgart unter Intendant Armin Petras.

Konzert Theater Bern: Cihan Inan bleibt Schauspieldirektor am KTB. Nach einigem Hin und Her bei der Verlängerung freut sich der Stiftungsrat des Theaters über den Vertrag bis 2020, obwohl die NZZ über die diversen Leitungswechsel der Vergangenheit lästert (hier mehr dazu).

Schauspielhaus Wien: Tomas Schweigen verlängert seinen Vertrag bis 2023 und bleibt somit künstlerischer Leiter des Theaters. Das berichte die Wiener Zeitung.

Theater Konstanz: Karin Becker tritt 2020 die Nachfolge von Christoph Nix an. Mehr im Interview mit ihr hier.
 

Ein Lichtschimmer am Horizont der schwarzen Nachrichten ist für uns in dieser Woche der Fund eines kapitalen, antiken Goldschatzes unter einem Theater in Italien (der Bericht hier). Mit der vagen Ahnung, dass das im echten wie im übertragenen Sinne irgendwie für viele Theater stimmen könnte, verabschieden wir uns summend ins Wochenende.
 

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