Wochenrückblick #39/19

Die eigenen Reihen hinterfragen

29.09.2019

Matthias Lilienthal, abgelichtet von Henning Schlottmann [CC BY-SA 4.0]

Matthias Lilienthal, abgelichtet von Henning Schlottmann [CC BY-SA 4.0]

Da beklagt man sich im vorletzten Wochenrückblick einmal über den Mangel an gesellschaftspolitischer Sichtbarkeit von Theater- und Filmschaffenden jenseits ihrer jeweiligen Bühnen, und kaum zwei Wochen später sind die Nachrichtenportale prall gefüllt mit flammenden Reden, spannenden Thesen und Skandalen. Was diese Woche wieder einmal schmerzhaft deutlich wird: Wir sind nicht alle auf der gleichen Seite und von manchen Vertreter*innen des eigenen Berufsstandes möchte man sich vehement distanzieren.

Die gute Nachricht ist: Auch das geschieht, öffentlich und sichtbar. Diese Kultur können wir beibehalten in der Kultur – hinterfragen wir nicht nur unser Publikum, sondern auch unsere Idole, unsere Mäzenen, unsere Vorgesetzten, unsere Kollegen und uns selbst.

Weitestgehend einig ist sich die deutsche Kulturlandschaft, dass die Entlassung von Hans-Joachim Mendig als Chef der Hessischen Filmförderung am Dienstag der richtige und notwendige Schritt war. Schon im Juli hatte sich Mendig mit AfD-Politiker Jörg Meuthen beim Mittagessen ablichten lassen und diesem dann die Erlaubnis erteilt, das Foto auf Instagram zu veröffentlichen, wo vonseiten Meuthens von einem „konstruktiven politischen Gedankenaustausch“ die Rede war. Als das Bild in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, distanzierte Mendig sich nicht etwa von der AfD, sondern gab lediglich zu Protokoll, es habe sich um ein rein privates Mittagessen gehandelt - was kaum dazu taugte, seine Glaubwürdigkeit als Person des öffentlichen Lebens zu verbessern. Insgesamt 550 Filmschaffende unterzeichneten in den letzten Wochen eine Erklärung, die Mendigs Verhalten deutlich missbilligte, und nun kostet ihn ebenjenes Verhalten seinen Job. Weshalb dies gleich ein mehrfacher Gewinn für Filmschaffende ist und warum der eigentliche Skandal schon mit der Berufung Mendigs auf seinen Posten begann, legt die Frankfurter Rundschau dar.

Seine Mobilisierung für die Ausgehetzt-Demo und damit gegen die Flüchtlingspolitik der CSU hat der Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, hingegen nie zu seiner Privatsache erklärt, sondern offiziell in seiner Funktion als Intendant betrieben. Schlagzeilen machte er jedoch nicht nur durch dieses politische Engagement (welches sich streng genommen gegen den Münchner Stadtrat und damit gegen den Träger der Kammerspiele selbst richtete), sondern auch durch die experimentelle Ausrichtung der Kammerspiele, den ihm vorgeworfenen Dilettantismus und die Wahl der Münchner Kammerspiele zum Theater des Jahres durch "Theater heute" im August. Dass er sich nun endlich zu seinem umstrittenen Kleidungsstil äußert, ist der Süddeutschen Zeitung ebenfalls eine Schlagzeile wert - was durchaus für den Humor der Redaktion spricht.

Die Emmy-Awards werden jedes Jahr verliehen und müssten sich in diesem Wochenrückblick normalerweise mit einer Randnotiz begnügen; wären da nicht Michelle Williams und Billy Porter unter den Preisträgern. Williams nutzte ihre Dankesrede bei den Awards am letzten Sonntag, um nachdrücklich für eine gleichberechtigte Bezahlung von Frauen und Männern beim Film einzutreten, wie in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen ist; Billy Porter hingegen, der als erster queerer schwarzer Schauspieler einen Emmy gewann, hielt zwar keine schlagzeilenträchtigen Reden, versteht sich jedoch selbst als wandelnde politische Botschaft, wie der Tagesspiegel zitiert.

Eine weitere Preisverleihung gab es letztes Wochenende im Bereich der Oper: Erstmalig wurden die Oper! Awards in Berlin verliehen, eine Liste aller Preisträger*innen findet sich bei BR Klassik.

Weniger ruhmreich kommen die Neuigkeiten aus der internationalen Opernszene daher: Startenor Placido Domingo, der sich seit August mit öffentlichen Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert sieht, ist von seinem immerhin 51 Jahre andauernden Vertrag mit der Metropolitan Opera in New York zurückgetreten. Dort hatte man ihm bis zuletzt die Treue zu halten versucht, musste sich aber dem Druck der Öffentlichkeit und der eigenen Belegschaft beugen, wie die WELT berichtet.

Wir schließen den Hauptteil mit einer Ankündigung: Vom 18. bis zum 20. Oktober findet in der Volksbühne Berlin die 4. bundesweite Ensembleversammlung statt, ausgerichtet durch das ensemble-netzwerk. Auf deren Homepage finden sich weitere Details sowie die Möglichkeit zur Anmeldung.

Notizen
Dieser Wochenrückblick droht den üblichen Wochenrückblickrahmen zu sprengen, weshalb die folgenden Geschehnisse nur eine kurze Erwähnung finden sollen:

Das Mainfranken Theater Würzburg wird zum Staatstheater erhoben, wie wir in der Süddeutschen Zeitung nachlesen können.

Das Deutsche Theater in Göttingen bekommt zwar keinen neuen Status, aber immerhin ein neues Haus, so das Göttinger Tageblatt.

Menschen
Intendant*innen kommen: Christoph Terhecker übernimmt die Leitung der Dok Leipzig, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Und gehen: Jan Nast wechselt zu den Wiener Symphonikern, weiß die Sächsische Zeitung -  während Brigitte Dethier das JES Stuttgart 2022 verlassen wird, wie die Stuttgarter Zeitung notiert.

Verstorben sind in der vergangenen Woche der bekannte Horrorfilmdarsteller Sid Haig, nachzulesen beim Stern, sowie der Star Trek-Schauspieler Aron Eisenberg, wie Spiegel Online schreibt.

All news