Wochenrückblick #41/19

Kulturkampf von Rechts, Machtkampf von Innen

13.10.2019

Portal des Freiberger Theaters, Foto: Dr. Bernd Gross [CC BY-SA 3.0]

Portal des Freiberger Theaters, Foto: Dr. Bernd Gross [CC BY-SA 3.0]

Dass AfD und Konsorten in den letzten Monaten immer wieder versucht haben, deutsche Theater mundtot zu machen, ist hinlänglich bekannt. So geschehen auch Ende März dieses Jahres im sächsischen Freiberg: Dort wurde eine Diskussionsveranstaltung im Theater auf Druck der AfD kurzfristig ins Rathaus verlegt, um die „politische Neutralität“ der Kultureinrichtung zu wahren. Jetzt legt die AfD-Fraktion im Stadtrat nach. Außerdem haben wir Literaturempfehlungen und teilerfolgreiche soziale Experimente im Programm.

Die Maßnahmen von Rechtspopulisten gegen Theaterschaffende reichen von Zwischenrufen im Publikum über sich allerorts wiederholende Forderungen nach „politischer Neutralität“ in der Kulturlandschaft bis zu empörten Pressemitteilungen der niedersächsischen AfD-Landtagsfraktion als Reaktion auf ein schulinternes Schülertheaterstück in Osnabrück im Mai diesen Jahres (tatsächlich so geschehen, siehe bento ). Auch das Mittelsächsische Theater in Freiberg stand Ende März bei der kommunalen AfD-Fraktion in der Kritik: Im Rahmen einer Diskussionsreihe sollte Liane Bednarz ihr Buch „Hassprediger“ präsentieren - die AfD protestierte. Damals knickte Oberbürgermeister Sven Krüger ein und die Veranstaltung wurde kurzfristig vom Theater in den Festsaal des Rathauses verlegt, was später durch oben erwähntes „Neutralitätsgebot“ begründet wurde. Wohl durch diesen Erfolg beflügelt, legte die AfD diese Woche in der Stadtratssitzung jetzt nach: Das Theater solle sich in Zukunft nicht mehr „parteipolitisch“ betätigen, andernfalls solle es finanzielle Konsequenzen geben; Nachzulesen ist dies beim mdr.

Ob der Vergleich mit der Situation im Wendeherbst '89, wie er im Artikel angesprochen wird, haltbar ist, darüber lässt sich sicherlich streiten. Streiten lässt sich jedoch nicht darüber, dass Theater seit jeher einen politischen Auftrag hat und dass der AfD hier keineswegs die fehlende Neutralität aufstößt, sondern vielmehr die in der Kulturszene vorherrschenden Positionen. Dies nehmen wir zum Anlass, die durch die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus herausgegebene PDF-Broschüre Alles nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von Rechts vorzustellen. Hier werden rechtspopulistische Angriffsstrategien gegen Kulturbetriebe aufgeschlüsselt und konkrete Handlungsempfehlungen ausgesprochen.

Genauso bewusst wie die Attacken von (rechts-)außen dürften den meisten Theaterschaffenden die internen strukturellen Problematiken von Theaterbetrieben sein: Von der sozialen Gerechtigkeit und der offenen Weltsicht, für die sich viele Theater nach außen hin einsetzen, ist in den Machtstrukturen innerhalb der Betriebe nach wie vor nicht genug zu spüren. Eine solide Grundlage für interne Kritik bietet das im September veröffentlichte Sachbuch „Macht und Struktur im Theater. Asymmetrie der Macht“ von Thomas Schmidt; wer nicht dazu kommt, es zu lesen, liest stattdessen das am Freitag veröffentlichte Interview mit Schmidt auf nachtkritik.de.

Möglicherweise einen Einsatz für sozialere Strukturen, definitiv aber Offenheit und Experimentierfreude bewies in den letzten Tagen das Berliner Ensemble: Dort endete nun der Feldversuch „Pay what you want“, in dessen Rahmen Zuschauer in der neuen Spielstätte ihren Eintrittspreis selbst bestimmen konnten. Wie in der Süddeutschen zu lesen, hat das Prinzip zwar neue Zuschauer angelockt, die selbstgewählten Eintrittspreise blieben jedoch deutlich unter den regulären. Die Gründe hierfür sind vielschichtig und sicherlich nicht ausschließlich bei den Zuschauern oder in der Kulturpolitik zu suchen; das Berliner Ensemble beendet das Experiment jedenfalls vorerst und freut sich immerhin über viele neue Besucher.

 

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Annilese Miskimmon, die derzeitige Leiterin der Nationaloper in Oslo, wird im Herbst 2020 Intendantin der Englischen Nationaloper, wie die Süddeutsche berichtet.

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