KIBA / Theater Bielefeld

"Man will sich als Theater auch gemeint fühlen"

01.08.2019

Christian Schlüter, Foto: (C)Philipp Ottendörfer

Christian Schlüter, Foto: (C)Philipp Ottendörfer

"Ihr habt Gestaltungsspielraum, nutzt ihn!" Christian Schlüter, Schauspieldirektor am Theater Bielefeld, hat mit Anna Paula Muth vom Jungen Ensemble-Netzwerk über Bewerbungen von Schauspieler*innen gesprochen.

Welche Einstiegsgage bezahlen Sie Berufsanfänger*innen?
2000€, das ist einheitlich so, auch für Regieassistent*innen.

Wie kann man auf offene Vakanzen aufmerksam werden? Wie gehen Sie mit Initiativbewerbungen um und wie reagieren Sie darauf?
Natürlich laden wir Menschen ein, die sich initiativ bewerben. Meistens läuft es jetzt gerade bei uns über die Intendanten-Vorspiele. Dann laden wir gezielt ein.
Wenn wir nach dem ersten Vorsprechen denken, dass das für uns Sinn macht, laden wir meistens noch einmal für ein Arbeitsvorsprechen ein. Es ist uns ganz wichtig, dass beide Seiten einander kennen lernen können.

Wie soll die Bewerbung aussehen? Per Mail oder Post?
Bewerbungen bitte digital schicken.
Max. 5 Fotos. Ein Ganzkörper, möglichst wenig Posing. Eins lachend, eins ernst reicht.
Lebenslauf: Ehrlichkeit!
Wenn es Spielerfahrung gibt, immer aufführen. Es ist immer eine interessante Information, ob jemand schon durch Studiostrukturen was auf der Bühne gemacht hat, oder „nur“ mit Studiumsinszenierungen und Arbeit mit den Schauspiellehrern zu uns kommt, aber z.B. auch ob mit Regiestudenten gearbeitet wurde. Dass man weiß: es gibt ne Spielpraxis. Das ist weder positiv noch negativ, das ist einfach interessant.
Im Anschreiben: Es ist schon gut, wenn man sich mit dem Theater auseinandersetzt, an dem man sich bewirbt. Man will sich ja als Theater auch gemeint fühlen. Dass wir wenigstens das Gefühl haben, da hat sich jemand mal konzentriert unsere Website angeguckt.
Man muss aber schon ehrlich sein, wenn man plötzlich das Gefühl hat, da stilisiert uns jemand jetzt zum geilsten Ort der Welt hoch, und man denkt sich: „Hallo, lass mal die Kirche im Dorf!“
Ein Auseinandersetzen, aber ein wirkliches, das sind ja nicht drei Wochen Studium, die man dafür braucht, sondern sich 20 Min. darüber Gedanken zu machen: „Warum will ich in Ostwestfalen, Bielefeld, arbeiten?“
Ein Grundmaß an Mühe, das man sich gemacht hat - wir machen uns ja auch Mühe.

Kann man auch nachfragen? Wenn ja, wie?
Es stehen die Nummern der Dramaturg*innen im Netz, da kann man mal nachfragen, ob die Bewerbung denn schon gesehen wurde und ob es Sinn macht zu warten.

Und melden Sie sich auf alle Bewerbungen zurück?
Wir versuchen es, aber es gelingt uns leider viel zu selten. Wenn wir jemanden eingeladen haben, melden wir uns immer zurück, und die können sich auch immer bei uns melden.
Beim Vorsprechen gibt es immer ein kurzes Gespräch vorher und nachher.
Nach den Arbeitsvorsprechen melde ich mich immer persönlich zurück, auch wenn man nicht engagiert wird. Damit man auch was von dem Vorsprechen hat.

Haben Sie im Vorfeld schon Ausschlusskriterien, z.B. eine private Ausbildung?
Ja, weil wir natürlich wissen, dass die Aufnahmeprüfungen auf den staatl. Schulen strenger sind, dann wissen wir: das hat schonmal stattgefunden. Es ist aber kein Totschlagkriterium, von einer privaten Schauspielschule zu kommen! Wir wissen aber, dass oft mehr „Kraft“ von den staatlichen Schauspielschulen kommt.

Haben Sie einen festgelegten Zeitraum, wann Sie die Bewerbungen erhalten möchten?
Nach dem ersten Premierenschwung bei uns. Mitte/Ende September. Wenn alles regulär läuft, ist es ab März nicht mehr so sinnvoll. Eigentlich macht es aber immer Sinn.

Wann sind die Vorsprechen?
Die heiße Phase zwischen Mitte November und Mitte Januar. Das ist aber alles mit gleitenden Übergängen.

Was wünschen Sie sich  bzw. wünschen sich nicht mehr, resultierend aus den Erfahrungen, die Sie mit Bewerbungen gemacht haben?
Ich brauche keine künstlerisch gestalteten Bewerbungen.
Es gab eine ganz tolle Bewerbung, die haben wir dann zwar nicht eingeladen, aber da wurde ganz klar die Lebenssituation definiert: Ich bin eine Mutter von zwei Kindern. Intendantenwechsel (Nichtverlängerung). Ich bin seit so und so vielen Jahren hier, ich habe ganz lange nicht vorgesprochen. Das war einfach ehrlich.
Man kann auch ehrlich sein ohne bittstellerisch zu sein. Man kann natürlich die Umstände beschreiben, das ist auch ganz wichtig. Und zu sagen „Ich bin nicht verlängert worden“ ist nicht negativ.

Haben Sie sonst noch Anregungen an die Bewerber*innen?
Vorsprechmonologe bitte nicht zu lang, dafür aber möglichst unterschiedlich. Wir denken zunehmend interdisziplinär, also sind für uns auch Musikalität, Bewegungsfähigkeit u.ä. interessant.
Es ist ganz schön, wenn man sich nicht als so einzelkämpferisch betrachtet. Kommt ruhig zusammen (Duoszenen)! Vielleicht hat man Pech und die Kollegin, die man nur mitgenommen hat, wird engagiert - aber ich war erstaunt, dass es ne andere Form von Sicherheit gibt, wenn man zusammen kommt. Also, wenn man uns vorschlägt, dass man mit einer Szenen kommt, bleibt es ja immer noch uns überlassen zu sagen: wir haben Interesse daran, oder nicht.
Es ist natürlich auch viel schöner, wenn man auf jemanden trifft, der versucht, das Vorsprechen als Situation selber auch zu gestalten. Dann ist das für uns auch viel leichter zuzugucken. Wir versuchen eine möglichst gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen, ihr könnt das auch. Ihr habt Gestaltungsspielraum, nutzt ihn! Wir merken ja sehr schnell, wenn jemand wirklich Lust hat, sich Zeit zu nehmen, sich richtig vorzustellen, oder das nur als furchtbare Drucksituation empfindet.

Anna Paula Muth

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