Wochenrückblick #47/19

Wasserstandsmeldung

24.11.2019

Acqua alta in Venedig, Foto: Paolo da Reggio [Public domain]

Acqua alta in Venedig, Foto: Paolo da Reggio [Public domain]

Wenn ganze Städte samt ihren Theatern absaufen, wenn Fördergelder nur noch bei politischer Opportunität fließen, wenn Kostenschätzungen für Kulturbauten die Milliardengrenze sprengen, dann ist es Zeit für eine Wasserstandsmeldung.

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass sich in Bezug auf Orcherstermusiker*innen „im Laufe des 20. Jahrhunderts eine Zweiklassengesellschaft zwischen abhängig Beschäftigten und Freischaffenden herausgebildet hat“. So eine Studie, die praktischer Weise gleich von FREO (Freie Ensembles und Orchester in Deutschland), dem Interessenverband der Freien Musikensembles herausgegeben wurde. Darüber hinaus stellt der Autor Martin Rempe dar, dass die selbstverwalteten Orchester keine Erfindung der 70er Jahre waren, sondern bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gängige Praxis. Verständlich, dass diese Untersuchung darauf zielt, die soziale und finanzielle Absicherung der Musiker*innen der freien Szene ihren abhängig beschäftigten Kolleg*innen anzugleichen. Das Deutsche Musikinformationszentrum berichtet ausführlich. Wasserstand: niedrig.

In Venedig hat die Klimakatastrophe nun auch schon einmal angeklopft: Unterstützt von einem in Korruption verstrickten und daher immer noch nicht fertig gestellten Flutsperrwerk, stand die Serenissima unter Wasser und das Opernhaus La Fenice auch. Brandmeldesystem und Strom wurden rechtzeitig zur Saisoneröffnung wieder repariert – und das Theater freut sich über Solidarität anderer Häuser. Musik Heute weiß mehr. Wasserstand: alarmierend, aber vorerst rückläufig.

Stuttgarts Staatstheater muss saniert werden, das steht außer Frage. Mit der Kostenschätzung hat sich die Politik nun aus der Deckung gewagt und präsentiert eine Summe mit 10 Ziffern. Diese beinhaltet nicht nur die Kernsanierung des 100 Jahre alten Gebäudes, sondern auch die Errichtung einer Interimspielstätte, so die Süddeutsche Zeitung. Wasserstand: wird noch gemessen.

Das Nationaltheater Weimar ist auch renovierungsbedürftig. 5 Millionen wollte die Stadt für ein paar Eimer Farbe und ein paar zu flickende Löcher investieren. Nun hat der Bundeskulturetat seine Schatulle einen Spalt breiter geöffnet und stellt 83 Millionen zur Verfügung, gegebenenfalls sogar in gleicher Höhe noch einmal kofinanziert vom Land Thüringen. Die Sanierung soll noch 2020 beginnen, schreibt Pizzicato.
Wasserstand: entspannt!

Wie kann man sich unliebsame Künstler*innen vom Leibe halten? Man dreht den Geldhahn zu. So geschehen in dieser Woche beim Budapest Festival Orchester, dem zugesagte Mittel von jetzt auf gleich gestrichen wurden, so auch in der freien Kulturszene Flanderns, die sich Zuschusskürzungen von 60% ausgeliefert sehen. Wasserstand: alarmierend!
 
Karrieren
Und weiter dreht sich das Karussell: Florian Lutz, noch Opern-Intendant in Halle und dort in einen Machtkampf geraten, wird neuer Intendant des Staatstheaters Kassel. Lutz erklärte, er wolle in den eineinhalb Jahren bis zu seinem Amtsantritt die Stadt und das Theater gründlich kennenlernen. Sehr wichtig sind ihm partizipative Projekte, um Menschen als Publikum – und auch als Akteure – zu gewinnen, die bisher dem Theater nicht verbunden sind. Berichtet die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA).
 
Das Luzerner Symphonie Orchester bekommt einen neuen Chefdirigenten: Michael Sanderling. Der künftige Chefdirigent deckt nach Überzeugung der Verantwortlichen nicht nur das Kernrepertoire des LSO in höchst kompetenter Weise ab, er stehe auch für eine weitere Entwicklung des Klangkörpers in Richtung des spätromantischen Repertoires, schreibt die Neue Zürcher Zeitung.

In Klagenfurt wurde einstimmig gewählt und Aron Stiehl zum neuen Intendanten des Klagenfurter Stadttheaters gekürt. Stiehl betonte, die Arbeit der Ära Scholz weiterführen zu wollen und "mit weiteren Aspekten zu ergänzen", berichten die Salzburger Nachrichten.
 
Nach internen Querelen hat das Theater an der Parkaue sein neues Leitungsteam vorgestellt. Der kommissarische Intendant Florian Stiehler und der neue Chefregisseur Thomas Fiedler gemeinsam mit der designierten Leiterin Vermittlung & Community Dorothea Lübbe und der designierten Leiterin der Dramaturgie Jutta Wangemann als künstlerisches Leitungsteam die Spielzeit 2020/2021 gestalten. Nachtkritik porträtiert ausführlich.
 
Außerdem: Katharina Wagner wird bis 2025 den Familienbetrieb auf dem Grünen Hügel in Bayreuth weiter führen. Die Gesellschafter-Versammlung der Festspiel-GmbH beschloss Vertragsverlängerung um fünf weitere Jahre. So der Südwest-Rundfunk.

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