Wochenrückblick #15/19

Auf der Bühne? Gerne! - Aber hinter der Bühne? Nein danke!

13.04.2019

Monbijou-Theater, Foto: Bernd Schönberger, [CC BY-SA 4.0]

Monbijou-Theater, Foto: Bernd Schönberger, [CC BY-SA 4.0]

Gewaltvorwürfe in Wien, Hahnenkämpfe in Berlin, Krach in Halle, Terrorismus-Vorwürfe gegen das ZPS und eigenwillige Identitätszuschreibungen in Budapest – und das alles in einer Woche!

Manche Theaterbesucher*innen lassen sich gern einmal für den Abend „entführen“ in andere Welten, solche in denen Gewalt verherrlicht, Intrigen geschmiedet und Verwechslungen als Komödien inszeniert werden. Dies alles zum Zweck der Katharsis, auf dass die Realität besser werde! Die Geschehnisse der vergangenen Woche lassen bedauerlicher Weise heftig zweifeln an dem Diktum des Theaters als moralische Anstalt...
 
In Wien wurden Ermittlungen der Kinder- und Jugendanwaltschaft gegen Lehrkräfte der Tanzakademie der Staatsoper Wien durch das Magazin „Der Falter“ publik. Schülerinnen der Akademie berichten davon, wie sie körperlich misshandelt wurden und sich Kommentare wie "Du tanzt wie eine Hausfrau" oder "Du hast Hasenzähne" anhören durften. Mindestens ein Schüler berichtet von sexuellen Übergriffen und Intendant Dominique Mayer bedauert das langsame Agieren der altehrwürdigen Institution. Die Süddeutsche berichtet ausführlich.
 
In Berlin gibt es wenigstens nur Hahnenkämpfe um das Monbijou-Theater: Langjährig gemeinsam von Christian Schulz und David Regehr betrieben, versinkt der Spiel- und Gastronomiebetrieb nun in einem Macht- und Eitelkeitenkampf, bei dem auch unklare finanzielle Abhängigkeiten und komplizierte Firmengeflechte eine Rolle spielen. Auf der Website des Theaters ist zu lesen, dass diesen Sommer keine Vorstellungen zu sehen sein werden. Ein neuer Betreiber sei aber angeblich durch den Bezirk beauftragt... die taz fasst das Schlamassel zusammen.

Bei der Volksbühne Berlin kehrt offenbar - kreative - Ruhe ein. Der Intendant Klaus Dörr berief Thorleifur Örn Arnarsson zum Schauspieldirektor, Lucia Biehler Hausregisseurin - und ein echtes Ensemble mit 17 festen Spielerinnen und Spielern gibt es auch wieder. Der Tagesspiegel berichtet.
 
„Dich, teure Halle, grüß ich wieder“ so überschwänglich, wie von Elisabeth im Tannhäuser bejubelt, wird wohl kaum ein*e Theaterschaffende*r über Halle / Saale sprechen. Da gehen die Auseinandersetzungen in den Führungsetagen des Theaterbetriebs in die x-te Runde. Inzwischen verkehren Geschäftsführer Stefan Rosinski und seine (leitenden) Mitarbeiter*innen offenbar mehr über offene Briefe, als direkt. Heute ist Aufsichtsratssitzung, das Wort der „Betriebsklimakatastrophe“ steht im Raum und Matthias Brenner (Intendant des Neuen Theaters), der bereits vor einiger Zeit seinen Verbleib in Halle vom Weggang des Geschäftsführers abhängig machte (wir erinnern uns), hat ein erneutes Ultimatum gesetzt. Noch was? Ach ja, die Pressereferentin der Dachgesellschaft TOOH hat nach nur drei Tagen im Dienst wegen schweren Mobbings gekündigt, wie die BILD aufdeckte. Beim MDR findet sich inzwischen eine ganze Sammlung von Texten.
 
Gegen das Zentrum für politische Schönheit wurde seit Ende November 2017 ermittelt, wie erst im Laufe der letzten Woche bekannt wurde. Dafür wurde §129 des Strafgesetzbuches angewendet, der die Bildung einer Kriminellen Vereinigung unterstellt. Dieser ist mithin auch als Terror-Paragraph bekannt, da er – zur Vermeidung terroristischer Anschläge – weitgehende Eingriffe in die Privatsphäre erlaubt. Inzwischen wurde das Verfahren eingestellt, die Gruppe selbst aber bekommt immer noch keine Einsicht in die Akten. In der Süddeutschen Zeichnung kann man den erschreckenden Vorgang nachlesen - auf change.org kann ein offener Brief unterzeichnet werden.
 
Damit hätte sicher niemand gerechnet: Dass sich ausgerechnet im streng rechtskonservativen Ungarn plötzlich beinahe ein ganzes Ensemble zu gefühlten Afro-Amerikaner*innen erklärt! Der budapester Staatsopernintendant und Orban-Intimus Szilveszter Okovacs will so einem juristischen Streit mit den Rechteinhabern der Oper "Porgy und Bess" von George Gershwin entgehen. Diese hatten verfügt, dass das Werk nur von People of Color auf die Bühne gebracht werden sollte. Die NZZ berichtet.
 
Zum Abschluss wenigstens etwas Positives: Der russische Theater- und Filmregisseur Kiril Serebrennikov wurde diese Woche überraschend (und auch nur vorläufig) aus seinem anderthalb Jahre währenden Hausarrest entlassen. Der SWR berichtet.
 
Das Leitungskarussell – heute streng paritätisch besetzt:
Philipp Ahmann wird ab 2020 künstlerischer Leiter des MDR-Rundfunkchors. Der MDR freut sich.
 
Maria Grätzel übernimmt ab Mai 2019 als Orchestermanagerin die Deutschen Radio Philharmonie in Saarbrücken. Christian Thielemann, dessen Referentin sie bisher in Dresden war, muss sich also rasch nach einem Ersatz umsehen! Der SWR hat die Details.

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