Wochenrückblick #46

Die Fälle Frazier und Tietje

18.11.2018

Ein weites Feld

Der Vertrag für künstlerische Mitarbeiter*innen am Theater heißt NV-Bühne. Der NV-Bühne ist fast immer ein Zeitvertrag, was u.a. mit dem "Abwechslungsbedürfnis des Publikums" argumentiert wird. Da ein Zeitvertrag automatisch endet, spricht man am Theater nicht von "Kündigung", sondern von "Nicht-Verlängerung". Eine "Nicht-Verlängerung" wird zumeist aus künstlerischen Gründen ausgesprochen – und die sind ein weites Feld.

An diesem Verfahren wird immer wieder Kritik geübt: Es eröffne Theaterleiter*innen die Möglichkeit, dieses Instrument dazu zu missbrauchen, um missliebige Kolleg*innen „aus künstlerischen Gründen“ aus dem Theater zu drängen. Neu sind aber zwei Dinge: die öffentliche Austragung und die mediale Resonanz.

In Halle hat der Geschäftsführer Stefan Rosinski die Musiktheaterpädagogin Barbara Frazier "aus künstlerischen Gründen" nicht-verlängert. Allerdings hatte Frazier seit der letzten Vertragsverlängerung gar nicht mehr am Haus gearbeitet, weil sie in Elternzeit war.

Nicht nur Frau Frazier fragt sich daher, welche künstlerischen Gründe Rosinski meint. Und statt die Nichtverlängerung leise weinend zu akzeptieren, wie das frühere Generationen von Theaterschaffenden gemacht haben, besitzt Frau Frazier die Unverschämtheit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und zu behaupten, dass nicht künstlerische Gründe die Hauptrolle bei ihrer Nicht-Verlängerung spielten, sondern ihre Elternschaft.

Während nun Mitteldeutsche Zeitung, Mitteldeutscher Rundfunk und weitere Medien berichten, kommt dummerweise (für Rosinski) auch eine "Klarstellung" der Opern-Leitung: Florian Lutz, Veit Güssow und Michael v. zur Mühlen erklären schriftlich, dass "Frau Frazier aus unserer Sicht eine hervorragend qualifizierte Theaterpädagogin ist, die das Profil der Oper Halle im Bereich der Theaterpädagogik zu unserer vollsten Zufriedenheit geprägt hat."

Das ensemble-netzwerk nimmt den Fall auf, um vom Deutschen Bühnenverein zu fordern, "im Tarifvertrag NV-Bühne Regelungen zu beschließen, mit denen werdende Mütter und aus dem Mutterschutz zurückkehrende Frauen in künstlerischen Berufen an den deutschen Theatern geschützt werden."

Am Staatstheater Schwerin protestieren die Mitglieder verschiedener Sparten in mehreren Offenen Briefen gegen ihren Intendanten Lars Tietje. Auch hier wegen Nicht-Verlängerungen aus künstlerischen Gründen. "Das Klima hat sich in den letzten Wochen oder Monaten doch sehr, sehr erhärtet hier. Die Spitzen waren die Nicht-Verlängerungen der Verträge von Joseph Feigl (Chordirektor) und Dan Datcu (Sprecher des Ballett-Ensembles)", so der Betriebsratsvorsitzende Andreas Fritsch.

Der NDR berichtet ausführlich, zumal es nicht der erste Konflikt zwischen Tietje und seinen Mitarbeiter*innen ist. Auch der Theater-Aufsichtsrat nimmt die Lage so ernst, dass er sich am 27.11. zu einer Aufsichtsratssitzung mit dem Betriebsrat trifft – ohne Intendant Tietje! Götterdämmerung in Schwerin?

 

Was war noch?

Mit Uta Kroschel wird erstmals eine Frau Schauspieldirektorin an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt. Momentan ist Kroschel noch Chefregisseurin im Theater Heilbronn, ab der Spielzeit 2019/20 wird sie André Nicke nachfolgen, der in Schwedt dann Intendant wird.

Der große Rolf Hoppe ist am 14.11. in Dresden gestorben. Die Ostthüringer Zeitung schreibt einen Nachruf.

Preis-Regen: Der Rolf-Mares-Preis wurde in Hamburg vergeben. Der NDR weiß die Einzelheiten...

Und in Wien wurden die Nestroy-Preise 2018 verliehen, der Kurier nennt uns die Details – wir gratulieren allen Preisträger*innen herzlich!

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